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Bundesregierung strebt Legalisierung an: Pro und kontra Cannabis
07.03.2022 - 07:37

Bundesregierung strebt Legalisierung an: Pro und kontra Cannabis

Cannabinoide nehmen in der Medizin einen immer größeren Stellenwert ein. Zuerst gegen Übelkeit und Appetitlosigkeit bei Tumor- und HIV-Patienten eingesetzt, finden sie zunehmend auch bei bestimmten Nephropathien, bei MS und auch in der modernen Schmerzmedizin Anwendung. Auch bei neuro-psychiatrischen Erkrankungen wie Parkinson, ADHS und Tic-Störungen werden Cannabis-Präparate empfohlen, wenngleich die Evidenzlage eher dürftig ist. Dennoch überzeugt die vielfältige pharmakologische Wirkung, doch Fachärzte weisen auch auf die Gefahren in der Anwendung von Cannabis hin. Eine Legalisierung zu Genusszwecken, wie sie die neue Bundesregierung auf den Weg bringen will, ist daher weiterhin höchst umstritten.

Redaktion: Prime Public Media (PPM), Zürich

Hanf wird bereits seit über tausend Jahren nicht nur als Rauschmittel, sondern ebenso als Nahrung, Rohstofflieferant und Heilmittel genutzt. Vor allem der Einsatz in der Medizin hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Dafür wird nicht die gesamte Pflanze, sondern nur ihre Hauptinhaltsstoffe – v.a. Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) – verwendet. Cannabinoide sind körpereigene Substanzen, die Teile des Lern- bzw. Belohnungssystems sowie des Immunsystems beeinflussen. Docken sie an bestimmten Rezeptoren im Körper an, wirken sie unter anderem schmerzlindernd. Dies macht man sich in der schmerz- und palliativmedizinischen Versorgung zunutze. Cannabinoid-Rezeptoren lassen sich in nahezu allen Geweben finden, besonders ausgeprägt im Nervensystem und im Immunsystem. Seit 2017 ist der Gebrauch von Cannabis für medizinische Zwecke in Deutschland legalisiert.

 

Wirksam vor allem bei chronischen Schmerzen

Bei akuten Schmerzen scheint durch Cannabinoide eher das limbische als das sensorische System beeinflusst zu werden. Dadurch scheint zwar der Schmerzreiz weniger unangenehm zu sein, die Schmerzintensität lässt hingegen nicht nach. Als wirksam erwiesen hat sich Medizinal-Cannabis hingegen bei chronischen Schmerzen. Auf Grundlage unterschiedlicher Studienergebnisse sieht die PraxisLeitlinie «Cannabis in der Schmerzmedizin» der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. mögliche Indikationen vor allem bei chronischem Schmerz, Tumorschmerz, nicht-tumorbedingtem Schmerz, neuropathischem Schmerz und spastischem Schmerz bei MS [1].

Mehrere erstattungsfähige Cannabis-Wirkstoffe sind auf dem Markt erhältlich, die aus der Hanfpflanze gewonnen werden: Dronabinol (Tetrahydrocannabinol, THC) stellt die Reinsubstanz zur Herstellung von Rezepturarzneimitteln dar, ist also frei von weiteren Substanzen. Nabiximols gibt es als Mundspray on label für die Behandlung bei schmerzhafter Spastik, z.B. bei MS. Cannabis-Extrakte enthalten definierte Verhältnisse von THC zu CBD, ähnlich wie beim Nabiximols, zusätzlich aber noch alle anderen Inhaltsstoffe, die aus der Cannabis-Pflanze gewonnen werden, etwa Terpene. Nabilon ist ein synthetisches Derivat des THCs und in Nordamerika und auch Deutschland erhältlich als 1mg-Kapseln on label für Übelkeit und Erbrechen nach Chemotherapie. Cannabisblüten schließlich sind für die Zubereitung in Inhalern, als Tee, Gebäck oder auch zum Rauchen verfügbar – jedoch ist hier Vorsicht geboten, da die richtige Dosierung schwer zu finden ist.

Zurzeit gibt es mehrere Consensus-Statements aus den USA, Kanada und der EU. Die kanadische Schmerzgesellschaft (Canadian Pain Society) zum Beispiel hat in ihren Leitlinien 2017 Gabapentinoide, TCAs und SNRIs auf Stufe 1 zur Behandlung neuropathischer Schmerzen gesetzt, gefolgt von Tramadol und opioiden Analgetika auf Stufe 2. Danach folgen bereits die Cannabinoide auf Stufe 3, vor Fourth-line-agents. Das Positionspapier der European Pain Federation (EFIC) sagt aus, dass Menge und Qualität der Evidenz den Schluss nahelegen, dass medizinischer Cannabis für chronisch-neuropathische Schmerzen sinnvoll eingesetzt werden kann [2]. Hier gibt es also eine klare Empfehlung. Für alle anderen chronischen Schmerzentitäten (Tumorschmerz, nicht-neuropathischer Nicht-Tumorschmerz) sollte medizinischer Cannabis als individueller Heilversuch angesehen werden – mit anderen Worten: Es kann funktionieren, muss aber nicht. Zumindest fehlt (noch) Evidenz aus Studien.

Warnungen vor möglichen Risiken

So weit, so – scheinbar – gut. Doch was in der medizinischen Versorgung rechtens und auch sinnvoll ist, muss noch lange nicht auf den alltäglichen Konsum zutreffen. So verwundert es nicht, dass die im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP verankerte „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken“ auf teils heftigen Widerstand stößt, u.a. bei medizinischen Fachgesellschaften und Verbänden: Der 125. Deutsche Ärztetag (DÄT) warnt vor den möglichen Risiken für die Gesundheit und etwaigen Folgen für die medizinische Versorgung. So gebe es aus mehreren Ländern Hinweise, dass es im Zuge einer Legalisierung von Cannabis zu einem Anstieg des Konsums sowie zu einer Zunahme canna­bis­bedingter Notaufnahmen komme. Auch zeige sich in diesen Ländern ein erhöhter psychiatrischer Behandlungsbedarf, die Legalisierung verharmlose zudem die gesundheitlichen Gefahren, negativen Folgen und Langzeiteffekte des Cannabiskonsums für Kinder und Jugendliche (auf ihre physische und psychische Entwicklung) [3].

Der DÄT bezieht sich in seiner Begründung v.a. auf die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in Auftrag gegebene CaPRiS-Studie (Cannabis: Potential und Risiken), die bei Cannabiskonsumierenden ein um etwa das Zweifache erhöhtes Risiko für psychotische Störungen gezeigt hat, bei etwa 10% der Konsumierenden bestehe zudem die Gefahr der Entwicklung eines schädlichen oder abhängigen Konsums. Verwiesen wird auch auf Erfahrungswerte aus dem US-Bundesstaat Colorado, wo sich seit der Legalisierung des Cannabisbesitzes 2012 die Rate der cannabisbedingten Vergiftungsfälle und cannabisbezogenen Krankenhausaufnahmen mehr als verdoppelt hat. Ähnlich verhält es sich mit der Zahl tödlicher Verkehrsunfälle unter Cannabiseinfluss, die dort inzwischen etwa 20% ausmachen. Darüber hinaus habe der Anteil der Suizide mit Cannabisbeteiligung in Colorado seit der Legalisierung um 50% zugenommen.

Unterstützung erhält der DÄT von den kinder- und jugendpsychiatrischen und kinder- und jugendmedizinischen Fachgesellschaften und Verbände in Deutschland [4]. Auch sie warnen vor den möglichen Risiken einer Cannabislegalisierung und appellieren, etwaige Legalisierungsbestrebungen nicht auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen auszutragen. Vorsätze, die Legalisierung mit einem bestmöglichen Jugendschutz zu verbinden, hätten sich in vielen Legalisierungsländern als Illusion erwiesen. Die Legalisierung verharmlose zudem auch die gesundheitlichen Gefahren, negativen Folgen und Langzeiteffekte des Cannabiskonsums auf die altersgerechte physische und psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Das Abhängigkeitspotenzial für Jugendliche sei besonders hoch: Etwa 9% aller Cannabiskonsumenten entwickeln über die Lebenszeit eine Cannabisabhängigkeit. Diese Rate beträgt 17% wenn der Cannabiskonsum in der Adoleszenz beginnt bzw. 25–50%, wenn Cannabinoide in der Adoleszenz täglich konsumiert werden.

Bei vulnerablen Personen bestehe ein dosisabhängiger Zusammenhang mit depressiven Störungen, Suizidalität, bipolaren Störungen, Angsterkrankungen sowie zusätzlichem Missbrauch von Alkohol und anderen illegalen Drogen. Cannabiskonsum könne bei ansonsten unauffälligen Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition Psychosen auslösen und den Verlauf schizophrener Psychosen deutlich verschlechtern.

Legalisierung noch in dieser Legislaturperiode

Doch will die Ampelkoalition nicht nur den Konsum und Verkauf von Cannabis legalisieren – auch der Anbau für kommerzielle Zwecke soll erlaubt werden. Dies ist bislang lediglich für medizinische Zwecke möglich. Weitere Kritik an den Plänen kommt daher auch von der Polizei.

Einen genauen Termin, wann Cannabis zu Genusszwecken in Deutschland legal werden soll, gibt es noch nicht. Und wer die berüchtigte deutsche Bürokratie kennt, der weiß, dass die Mühlen langsam mahlen und noch wenigstens zwei, wenn nicht drei Jahre ins Land ziehen dürften. Doch dass die Legalisierung kommen wird, hat sich die Koalition auf ihre Fahnen geschrieben, innerhalb der aktuellen Legislaturperiode soll es demnach auf jeden Fall noch passieren.

Pro- und Kontradebatte auf dem Brain Summit

Wie also umgehen mit dem medizinischen Cannabis und einer möglichen Legalisierung – auf dem Berlin Brain Summit, der vom 31. Mai bis zum 2. Juni 2022 erstmalig in der deutschen Hauptstadt stattfindet, wird sich die Pro- und Kontradebatte „Legalisierung von Cannabis“ dieses kontroversen Themas annehmen. 
Kristine Lütke, Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Gesundheitsausschuss, Prof. Dr. Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters und der stellvertretende Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Dietmar Schilff diskutieren am 1. Juni von 17:00-18:30 Uhr im Saal A6 über die Vorteile und Nachteile der Anwendung von Cannabis und seiner Freigabe.
 

Literatur:
1. https://dgs-praxisleitlinien.de/download/cannabis/?wpdmdl=410&refresh=62150680ad01f1645545088 (letzter Zugriff am 22.02.2022).
2. Häuser W, Finn DP, Kalso E, et al.: European Pain Federation (EFIC) position paper on appropriate use of cannabis-based medicines and medical cannabis for chronic pain management. Eur J Pain. 2018; 22(9): 1547-1564; doi: 10.1002/ejp.1297.
3. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/125.DAET/Beschlussprotokoll_125DAET2021_Stand_24112021.pdf (letzter Zugriff am 22.02.2022).
4. https://www.dakj.de/wp-content/uploads/2021/12/Punchpaper-Cannabislegalisierung_fin.pdf (letzter Zugriff am 22.02.2022).